Wolf Haas ist einer der bekanntesten Autoren Österreichs. Seine Krimis um den trocken-zynischen Kommisar Brenner habe ihm zahlreiche Preise und einen Kultstatus eingebracht. Nun hat er sich einem anderen Genre zugewandt und einen Liebesroman geschrieben. Oder doch nicht?
Tasache ist: "Das Wetter vor 15 Jahren" ist NICHT dieser Liebesroman.
"Das Wetter vor 15 Jahren" ist eine buch-langes Interview des Autors mit der Autorin einer Literaturbeilage ÜBER diesen Liebesroman. Oder auch nicht.
Denn das Interview ist fiktiv - genauso wie der Roman, den Haas nie geschrieben hat.
Wenn das jetzt ein wenig verwirrend klingt, ist das wohl durchaus beabsichtigt, sollte aber niemanden vom Lesen abhalten. Denn "Das Wetter vor 15 Jahren" ist das originellste deutschsprachige Stückchen Literatur, dass ich seit - sehr langer Zeit gelesen habe.
Auf 220 Seiten reden Haas und die fiktive Literaturkritikerin über das fiktive Buch und dabei entfaltet sich vor uns die bewegende, spannende tragische, komische Liebesgeschichte von Vittorio Kowalski, Sohn eines Trinkhallenbesitzers und letzter Spross einer Bergarbeitersippe aus Essen, der in seiner Kindheit jedes Jahr in ein kleines österreichisches Dorf fuhr und sich mit 15 Jahren zum ersten Mal dort verliebte - und unter dramatischen Umständen nach dem ersten zärtlichen Annäherungsversuch von seiner angebeteten Anni fortgerissen wurde. Fortan lernt Kowalski das Wetter des kleinen Dorfes auswendig - ohne es jemals wieder zu betreten oder seine Angebetete wieder zu sehen. Erst als sein Wissen über das Wetter vor - und seit - 15 Jahren ihn zum Wettkönig bei "Wetten Dass" macht, kommt sein eingefahrenes Leben in Bewegung - in Richtung Österreich.
Wolf Hass gelingt ein bemerkenswerter Spagat. Die ungewöhnliche Form des "Interview-Romans" kitzelt den Intellekt des interessierten Lesers, während die Geschichte, die sich in dieser Erzählform zwar den eingefahrenen Lesegewohnheiten entzieht, einen trotzdem packt und mitreisst. Und zu alledem kommt der trockene Humor und der tiefer - Einblick in deutsch österreichische Befindlichkeiten der schon die Brenner Krimis zu erstklassigem Lesevergnügen machten.